Deli­be­ra­ti­ve Demo­kra­tie

Der Begriff deli­be­ra­ti­ve Demo­kra­tie wird sowohl für die Demo­kra­tie­theo­rie als auch deren Ver­wirk­li­chungs­form ver­wen­det.

In einer deli­be­ra­ti­ven Demo­kra­tie wird der poli­ti­schen Debat­te ein höchst­mög­li­cher Stel­len­wert zuge­schrie­ben. Poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die aus einer umfas­sen­den, hür­den­ar­men Deli­be­ra­ti­on (= argu­men­ta­ti­ve Ent­schei­dungs­fin­dung) resul­tie­ren, haben eine höhe­re Legi­ti­mi­tät, als durch Wah­len und Ple­bis­zi­te her­bei­ge­führ­te Ent­schei­dun­gen. Schluss­end­lich steht im Mit­tel­punkt der Theo­rie der deli­be­ra­ti­ven Theo­rie das Legi­ti­ma­ti­ons­ide­al der öffent­li­chen Bera­tung poli­ti­scher Sach­ver­hal­te.

Zwei Holzmännchen stehen sich gegenüber
Die poli­ti­sche Debat­te steht im Mit­tel­punkt einer deli­be­ra­ti­ven Demo­kra­tie.

Deli­be­ra­ti­on und deren Imple­men­tie­rung in das poli­ti­sche Sys­tem

Das Wort Deli­be­ra­ti­on ist ein dem Latei­ni­schen ent­lehn­tes Fremd­wort, das so viel heißt wie „Berat­schla­gung“ oder „Über­le­gung“ (Duden Fremd­wör­ter­buch, 2005).

Wich­tig für idea­le Deli­be­ra­ti­on ist ein bar­rie­re­ar­mer bis ‑frei­er Dis­kurs. Zudem bedarf es einer gewis­sen Öffent­lich­keit:

„Die Öffent­lich­keit lässt sich am ehes­ten als ein Netz­werk für Kom­mu­ni­ka­ti­on von Inhal­ten und Stel­lung­nah­men, also von Mei­nun­gen beschrei­ben.“

(Haber­mas 1992: 436)

Eine (kri­ti­sche) Öffent­lich­keit muss zunächst her­ge­stellt wer­den. Dafür sind eine Prä­mis­sen zu bemer­ken (bei­spiel­haft auf den Kli­ma­wan­del bezo­gen):

  • All­ge­mein­bil­dung, z. B. Ver­ständ­nis öko­no­misch-öko­lo­gi­scher Zusam­men­hän­ge
  • poli­ti­sche Bil­dung, z. B. Wis­sen über den Poli­tik­zy­klus und über die Kom­pe­ten­zen des Gesetz­ge­bers und supra- und trans­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen
  • spe­zi­fi­sche Bil­dung in einem Fach­ge­biet, z. B. Kli­ma­fol­gen­for­schung /​Öko­lo­gie
  • unver­zehr­te Bericht­erstat­tung über (aktu­el­le) Pro­ble­me, z. B. über Wald­brän­de im Ama­zo­nas
  • (peri­phe­rer oder zen­tra­ler) Par­ti­zi­pa­ti­ons­wil­len, z. B. mit­tels Demons­tra­tio­nen wie „Fri­days for Future“ /​„Sci­en­tists for Future“ (poli­ti­sche Peri­phe­rie) oder über die akti­ve Wahl in eine admi­nis­tra­ti­ve Posi­ti­on (ins poli­ti­sche Zen­trum)

Kri­tik

Im Wesent­li­chen wer­den zwei Kri­tik­punk­te ange­führt, die die Umset­zungs- sowie die Nut­zen­ebe­ne betref­fen:

  • Umset­zungs­ebe­ne: Um das Legi­ti­ma­ti­ons­ide­al bar­rie­re­frei­er, gleich­be­rech­tig­ter Deli­be­ra­ti­on zu errei­chen, bedürf­te es eines „sehr hohen Zeit- und Res­sour­cen­auf­wan­des“ (Haber­mas 2007: 431). Dar­über hin­aus ist schwer vor­stell­bar, dass alle Bür­ger an der (kri­ti­schen) Öffent­lich­keit teil­ha­ben. Und zuletzt besteht das Pro­blem der sys­te­ma­ti­schen Dis­kurs­ver­zer­rung durch die Medi­en, die bestim­men, was an die (kri­ti­sche) Öffent­lich­keit her­an­ge­tra­gen wird – also was zum The­ma der Deli­be­ra­ti­on wird.
  • Nut­zen­ebe­ne: Die Hypo­the­se, (poli­ti­sche) Ent­schei­dun­gen wür­den stets auf Grund­la­ge der bes­ten Argu­men­te getrof­fen, gilt als empi­risch wider­legt. Mitt­ler­wei­le gilt als erwie­sen, dass das Auf­tre­ten einer Frak­ti­on im Dis­kurs viel­fach ent­schei­den­der ist als schluss­end­lich deren Argu­men­te. Fer­ner müs­sen Ver­zer­rungs­ef­fek­te wie die von Noel­le-Neu­mann beschrie­be­ne Schwei­ge­spi­ral­le berück­sich­tigt wer­den, durch die eine Min­der­heit suk­zes­si­ve als ver­meint­li­che Mehr­heit wahr­ge­nom­men wird und damit eine Mei­nungs­ver­schie­bung her­vor­ruft.
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