Erläuterung:
Wir werden euch hier eine exemplarische Konfliktanalyse zum Syrienkonflikt zeigen. Diese habe ich (Catherine) im Rahmen der Klausur unter Abiturbedingungen in der 13. Klasse im Politik und Wirtschaft Leistungskurs am 16.01.2020 geschrieben. Aufgrund der begrenzten Zeit während der Klausur ist die Konfliktanalyse auch begrenzt. Ich habe mich also auf für mich wesentliche Akteure beschränkt, welche man gut in den Zusammenhang setzen konnte. Die Aufgabenstellung war folgende: “Analysieren Sie den Syrienkonflikt im Hinblick auf das Verhalten der internationalen Hauptakteure (Interessen, Strategien und Allianzen) mit Hilfe einer Theorie der internationalen Beziehungen.”

Konfliktanalyse
Auf den folgenden Seiten werde ich den Syrienkonflikt aus institutionalistischer Sicht analysieren. Dabei werde ich auf die Interessen und Strategien der Akteure eingehen sowie auf die Allianzen und deren Ursachen für ihr agieren.
Der Institutionalismus ist gut zum Erklären der Kooperationen im Syrienkonflikt involvierten Staaten geeignet. Sowohl der Realismus als auch der Liberalismus würden den Konflikt stark vereinfachen bzw. die Analyse erschweren.
Die Institutionalisten gehen davon aus, dass die Staaten zweckrational handeln und auf dem Kollektivnutzen ausgerichtet auf Kooperationen hinarbeiten. Dies wird vor allem dadurch begründet, dass ein reines Selbsthilfesystem, wie es die Realisten vorsehen, in der heutigen Welt, die von Interdependenzen bestimmt ist, nicht mehr elementar ist. Kooperationen führen zu Sicherheit, zu transnationaler Stabilität und zur Friedenssicherung. Die zentralen Akteure der Theorie sind die inter- und supranationalen Organisationen sowie Staaten, die sich in Regimen organisieren.

Der erste Akteur, auf den ich eingehen werde, ist der Iran. Dieser ist durch eine schiitische Mehrheit geprägt und ist eine Theokratie. In einer Theokratie werden die Gesetze durch die Religion bestimmt. Der Iran ist mit mehreren schiitischen Staaten verbündet. Darunter zählen der Libanon und der Irak, auf den sie besonders viel politischen Einfluss haben und diesen zum großen Teil kontrollieren, und Russland, mit den sie den gemeinsamen Rivalen USA haben. Außerdem sind sie mit dem schiitischen und vor allem mit dem alawitischen Syrien verbündet, mit dem sie auch die Hisbollah im Libanon aufgebaut haben, um ihren Erzfeind Israel durch deren Aktivitäten zu schwächen. Der größte Rivale des Irans sind die USA. Die Historie der beiden Staaten ist schon seit Längerem von großen und hitzigen Konflikten geprägt, was sich aktuell durch die Ermordung des iranischen Militärgenerals Soleimani durch die USA noch zuspitzt. Der Iran setzt es sich als Ziel, die schiitischen Mehrheiten vor der sunnitischen muslimischen Welt zu schützen, da er sich selbst als Anführer der Schiiten sieht. Diese Ansicht führt zu einer Konfliktlinie mit Saudi Arabien, da diese sich als Anführer der Sunniten sehen. Der Iran unterstützt den in Bedrängnis geratenen Präsidenten Baschar Al-Assad. Im Arabischen Frühling Ende 2010 demonstrierten syrische Oppositionelle gegen die Regierung Assads und forderten politische Freiheit und Reformen. Später erweiterte sich der Konflikt noch auf der religiösen Seite, da Assad Alawit ist und ungefähr 90 Prozent der syrischen Bevölkerung sunnitischen Glaubens entsprechen. Assad reagierte darauf mit Gewalt gegen Zivilisten und katalysierte somit den Konflikt, was alles noch schlimmer machte. Durch die Demonstrationen gegen seine Regierung ist Assad auf Unterstützung angewiesen, um sich zu behaupten. Diese Unterstützung bekommt der Präsident von Russland.
Dies zählt zu Assads wichtigsten Verbündeten und Unterstützern, da es ihn mit Rüstungsgütern unterstützt. Russland möchte sich als Hintergrundmacht des Nahen Osten etablieren und außerdem einen Bündnispartner finden, der es im Kampf gegen die NATO unterstützt. Es möchte nämlich verhindern, dass sich die 1949 gegründete Organisation an ihre eigenen Grenzen vorarbeitet. Ein weiteres Ziel des Staates ist es, sich mehr Einfluss im Nahen Osten zu beschaffen, den es sich auch durch den Pakt mit Assad erhofft.

Diese Einflussnahme leitet zum nächsten Akteur über, nämlich den USA. Diese stören sich an der Einflussnahme Russlands sowie an de Irans. Die Vereinigten Staaten haben als Ziel den Sturz Assads, um die Demokratiebewegung in Syrien zu unterstützen. Damit erklärt sich auch die Rivalität zwischen den USA und Russland sowie die Rivalität zwischen Iran und den USA. Da beide Mächte Assad unterstützen, haben sie genau andere Interessen wie die Vereinigten Staaten. Ein weiteres Ziel der USA ist der “Kampf gegen den Terror” und somit die Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) zu vernichten. Dazu gehen sie ein Bündnis mit den Kurden ein, um Assad zu stürzen bzw. um gegen seine Regierung vorzugehen, wollten die USA ein Mandat des UN-Sicherheitsrates. Mit ihrem Vorgehen gegen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit drängten sie auf Resolutionen. Dadurch aber, dass Russland eines der fünf ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat ist, konnten sie durch das ihnen gegebene Vetorecht ihr Veto einlegen und somit die Arbeit des Sicherheitsrates blockieren und somit auch das Vorgehen der USA. Dies ist eines der Probleme der UN und einer der Gründe, warum die UN im Syrienkonflikt nur beschränkte Möglichkeiten hat, einzugreifen und praktisch handlungsunfähig ist. Durch diesen Konflikt sieht man die Probleme der Vereinten Nationen deutlich und auch das Problem der mangelnden kollektiven Sicherheit trotz der in der UN-Charta verankerten Gleichberechtigung aller Staaten. Hier wird das deutliche Machtgefälle durch das Vetorecht der P5 deutlich.

Die USA gehen mithilfe der Kurden ein “Regime gegen den Terror ein” und bekämpfen damit den “Islamischen Staat”. Dieses Vorgehen verläuft für die Vereinigten Staaten zwar erfolgreich, da sie den IS-Anführer Baghdadi umbringen, allerdings bedenken sie dabei nicht, dass sie mit diesem Vorgehen indirekt dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad in die Karten spielen. Der Anführer des Islamischen Staates war nämlich einer der Personen, die gegen Assad und seine Regierung vorgingen. Somit hat die USA für Assad einen seiner größten Feinde umgebracht. Die Unterstützung und die Ausbildung von kurdischen Kämpfern sowie vor allem die Unterstützung der kurdischen Miliz YPG ist ein weiteres Interesse der USA. Sie unterstützen die Kurden dabei, ihren eigenen Staat an der Grenze Nordsyriens in Rojava zu gründen.

Rojava liegt allerdings auch an der Südgrenze der Türkei, welche nicht will, dass ein von Kurden gegründeter und bewohnter Staat an ihren Grenzen liegt. Die muslimische Mehrheit der Türkei sieht die Kurdenmilizen YPG und PKK als Terrororganisationen an und unterdrückt deshalb die Kurden. Die PKK wurde mittlerweile verboten. Die Türkei steht in Verbindung zu der Nationalen Syrischen Armee, welche damals noch “Freie Syrische Armee” hieß und sich genauso wie die USA und Saudi Arabien gegen Assad ausspricht und seine Regierung nicht unterstützt. Das von Erdogan angeführte Land möchte eine Pufferzone in Syrien, welche von der Türkei kontrolliert wird. Als NATO-Mitglied sind sie verbündet mit dem Westen und der USA und sind eigentlich dem Beistand dieser Staaten verpflichtet, sollten diese mit anderen Staaten in Konflikt geraten. Umgekehrt gilt dies auch. Allerdings nähern sie sich auch immer mehr Russland an, welche Gegner der NATO sind. Dadurch gerät die Türkei in zentrale Konfliktlinien des Syrienkonfliktes. Zum einen in die Konfliktlinie mit den Kurden, um zu verhindern, dass diese ihren eigenen Staat an deren Grenze gründen, und zum anderen in die Konfliktlinie, dass sie sich Russland annähern, aber Mitglied der NATO sind. Aufgrund dieser Tatsache ist die Türkei im weiteren Verlauf des Syrienkonfliktes als wichtiger Akteur nicht mehr zu unterschätzen.

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