Q1-Klau­sur: Wahlsystem/​Funktionen der poli­ti­schen Par­tei­en

Übungs­klau­sur: Poli­tik und Wirt­schaft (GK/​LK)
The­ma: Wahl­sys­tem /​Funk­tio­nen der poli­ti­schen Par­tei­en

Mate­ri­al 1: Ulrich Schul­te „CSU blo­ckiert Wahl­rechts­re­form“ (taz, 25.01.2020), gekürzt

Aus Urhe­ber­recht­li­chen Grün­den kann hier nicht der Ori­gi­nal­text abge­bil­det wer­den. Der Text fin­det sich wei­ter­hin unter fol­gen­der URL: https://​taz​.de/​S​t​r​e​i​t​-​u​m​-​P​a​r​l​a​m​e​n​t​s​g​r​o​e​s​s​e​/​!​5​6​5​6​1​02/

Auf­ga­ben­stel­lung

Auf­ga­be 1 (25 BE)
Fas­sen Sie Ulrich Schul­tes Bericht „CSU blo­ckiert Wahl­rechts­re­form“ (Mate­ri­al 1) zusam­men.

Auf­ga­be 2.1 (20 BE)
Skiz­zie­ren Sie das Wahl­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Gehen Sie ins­be­son­de­re dar­auf ein, wie die Man­dats­ver­tei­lung für den Bun­des­tag erfolgt.

Auf­ga­be 2.2 (20 BE)
Erläu­tern Sie die Funk­tio­nen von Par­tei­en im poli­ti­schen Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Auf­ga­be 3 (35 BE)
Dis­ku­tie­ren Sie vor dem Hin­ter­grund von Mate­ri­al 1 die Vor- und Nach­tei­le des deut­schen Wahl­sys­tems.

Hin­wei­se
Bear­bei­tungs­zeit: 180 (+ 25) Minu­ten
Ver­wen­den Sie linier­te Dop­pel­bö­gen mit einem brei­ten wei­ßen Kor­rek­tur­rand. Nicht leser­li­che Aus­füh­run­gen kön­nen nicht bewer­tet wer­den. Bit­te zäh­len Sie die Anzahl der geschrie­be­nen Wör­ter nach Ende der Bear­bei­tungs­zeit mit Blei­stift­mar­kie­rung nach jeweils 50 Wör­tern.

Punk­te­ver­ga­be gemäß OAVO (Stand Janu­ar 2020)

Pkt.151413121110987654321
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Lösungs­hin­wei­se und Bewer­tungs­ras­ter

Bewer­tung auf grund­le­gen­dem Niveau: Der Erwar­tungs­ho­ri­zont ist auf das erhöh­te Niveau zuge­schnit­ten. Für die Bewer­tung auf grund­le­gen­dem Niveau gel­ten bei Aufg. 1 die glei­chen Kri­te­ri­en. Bei Auf­ga­be 2.1 und 2.2 wer­den 5 BE bzw. 4 BE zusätz­lich gewährt. Die maxi­ma­len BE kön­nen nicht über­schrit­ten wer­den. Bei Auf­ga­be 3 wird ein gerin­ge­res Maß an Abwä­gun­gen und fach­spe­zi­fi­schen Kennt­nis­sen erwar­tet; bezo­gen auf die Argu­men­ta­ti­ons­struk­tur wird nicht anders bewer­tet.

Bewer­tung der Aufg. 3: Die im Bewer­tungs­ras­ter auf­ge­führ­ten Argu­men­te die­nen ledig­lich zur Ori­en­tie­rung. Dar­über hin­aus gehen­de und gleich­wer­ti­ge Aspek­te wer­den bei der Bewer­tung adäquat berück­sich­tigt.

Auf­ga­be 1 (25 BE):

Ein­lei­tung der Text­zu­sam­men­fas­sung:

  • Text­spe­zi­fi­sche Infor­ma­tio­nen (Titel, Autoren­na­me, Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum, Publi­ka­ti­ons­me­di­um)
  • Ein­ord­nung bzw. The­ma des Tex­tes („kri­ti­siert“, „spricht sich dafür/​dagegen aus“, „ana­ly­siert“, „for­dert“ etc.)

Struk­tu­rier­te inhalt­li­che Zusam­men­fas­sung in indi­rek­ter Rede (Kon­junk­tiv­nut­zung):

  • Aus­gangs­la­ge: zu vie­le Abge­ord­ne­te im Bun­des­tag (der­zeit 709), ursprüng­lich sei­en 598 Man­da­te vor­ge­se­hen
  • Befürch­tung einer erneu­ten Ver­grö­ße­rung des Bun­des­ta­ges
  • Vie­les spre­che gegen einen zu gro­ßen Bun­des­tag: Logis­tik, Inef­fi­zi­enz, Kos­ten
  • Der Autor kri­ti­siert, dass die Frak­tio­nen des Bun­des­ta­ges unfä­hig sei­en, sich auf eine Wahl­rechts­re­form zu eini­gen.
  • Vor­schlag von FDP, Lin­ken und Grü­nen: weni­ger Wahl­krei­se und somit weni­ger Direkt­man­da­te bei gleich­zei­ti­ger Wah­rung der Pro­por­tio­na­li­tät nach Zweit­stim­men­er­geb­nis­sen
  • Kor­rek­te Ver­hält­nis­se nach Zweit­stim­men­er­geb­nis sei­en essen­zi­ell
  • CSU blo­ckie­re den Reform­vor­schlag
  • CSU stre­be eine ande­re Reform an: Ver­klei­ne­rung der Maxi­mal­an­zahl an Lis­ten­man­da­ten
  • Davon pro­fi­tie­re aller­dings vor allem die CSU selbst, da sie alle bay­ri­schen Direkt­man­da­te besetzt
  • Öffent­lich las­se die CSU ver­lau­ten, dass mit weni­ger Wahl­krei­sen die Bür­ger­nä­he schwin­de. Der Autor hält dies jedoch für wenig schlag­kräf­tig, da die Ver­än­de­rung mar­gi­nal sei und eine ech­te Bür­ger­nä­he sowie­so schwer mög­lich erschei­ne.
  • Der Autor bewer­tet die Blo­cka­de der Reform durch die CSU als Ego­is­mus; damit scha­de die CSU der Demo­kra­tie.
  • Abschlie­ßend appel­liert der Autor an die CSU, zu einem Kom­pro­miss in Sachen Wahl­rechts­re­form bei­zu­tra­gen.

Auf­ga­be 2.1 (20 BE):

Skiz­zie­rung des Wahl­sys­tems der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ins­be­son­de­re der Man­dats­ver­tei­lung für den Bun­des­tag:

  • Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist eine reprä­sen­ta­ti­ve par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie.
  • Der Bun­des­tag ist das deut­sche Par­la­ment. Eine Legis­la­tur­pe­ri­ode des Bun­des­tags dau­ert vier Jah­re.
  • Die Wahl­grund­sät­ze sind in Art. 38 GG gere­gelt. Wah­len sind all­ge­mein, unmit­tel­bar, frei, gleich und geheim.
  • Akti­ves wie auch pas­si­ves Wahl­recht haben deut­sche Staats­bür­ger, die min­des­tens 18 Jah­re alt sind.
  • Bei dem Wahl­sys­tem han­delt es sich um eine per­so­na­li­sier­te Ver­hält­nis­wahl.
  • Zwei­stim­men­sys­tem: Mit der Erst­stim­me wird nach Mehr­heits­wahl­recht ein Direkt­kan­di­dat gewählt, der einen der 299 Wahl­krei­se ver­tritt. Mit der Zweit­stim­me wer­den nach Ver­hält­nis­wahl­recht wei­te­re 299 Sit­ze durch Plät­ze von den Lan­des­lis­ten der Par­tei­en besetzt. Die Man­dats­ver­tei­lung erfolgt mit­tels dem Sain­te-Laguë-Ver­fah­ren. In die Ver­tei­lung nach Ver­hält­nis­sen wer­den nur Par­tei­en berück­sich­tigt, die min­des­tens fünf Pro­zent der Stim­men erhal­ten haben (Fünf-Pro­zent-Klau­sel).
  • Ins­ge­samt hat der Bun­des­tag plan­mä­ßig 598 Sit­ze.
  • Ent­spricht die Gesamt­an­zahl der Sit­ze einer Par­tei nicht Zweit­stim­men­er­geb­nis­sen (z. B. wegen über­mä­ßig vie­ler erlang­ter Direkt­man­da­te), ent­ste­hen Über­hang­man­da­te.
  • Die Über­hang­man­da­te wer­de wie­der­um durch Aus­gleichs­man­da­te bei den benach­tei­lig­ten Par­tei­en von den Lan­des­lis­ten aus­ge­gli­chen.

Auf­ga­be 2.2 (20 BE):

Erläu­te­rung der Funk­ti­on von Par­tei­en im poli­ti­schen Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land:

Poli­tik­for­mu­lie­rung:

  • Inter­es­sen­ag­gre­ga­ti­on/-bün­de­lung
  • Reprä­sen­ta­ti­on von (Teil-)Interessen
  • Arti­ku­la­ti­on von (Teil-)Interessen
  • Posi­tio­nie­rung inner­halb gesell­schaft­li­cher Kon­flikt­li­ni­en (Clea­va­ges)

Legi­ti­mie­rungs­funk­ti­on:

  • Siche­rung der Reprä­sen­tanz im poli­ti­schen Sys­tem
  • Ver­kör­pe­rung des demo­kra­ti­schen Prin­zips in Wah­len (Par­tei­en als „Schu­le der Demo­kra­tie“) und bei der Mobi­li­sie­rung für Wah­len
  • Anre­gung zur Par­ti­zi­pa­ti­on

Rekru­tie­rungs­funk­ti­on:

  • Aus­bil­dung von poli­ti­schem Per­so­nal
  • Wäh­len einer poli­ti­schen Füh­rungs­eli­te (pri­mä­res Kar­rie­re­ve­hi­kel)

Imple­men­tie­rungs­funk­ti­on:

  • Teil des (partei-)politischen Wett­be­werbs bei Wah­len (vgl. Plu­ra­lis­mus­theo­rie nach Ernst Fra­en­kel)
  • Stre­ben nach Regie­rungs­macht
  • Inner­par­la­men­ta­ri­scher Ein­fluss auf die Gesetz­ge­bung

Kon­troll­funk­ti­on:

  • Kri­tik an ande­ren Par­tei­en (ggf. an der Regie­rungs­par­tei)
  • For­mu­lie­rung von Gegen­po­si­tio­nen im (partei-)politischen Wett­be­werb (Mobi­li­sie­rung für die eige­ne Posi­ti­on)
  • Teil der Mei­nungs­bil­dung (über Medi­en, Par­la­ments­ar­beit und ande­re Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen)

Auf­ga­be 3 (35 BE):

Dis­kus­si­on über die Vor- und Nach­tei­le des deut­schen Wahl­sys­tems mit Bezug zu Mate­ri­al 1:

  • Ein­lei­tung in die Dis­kus­si­on (Bezug zu Aufg. 2.1, ggf. dort nicht erwähn­te Begrif­fe defi­nie­ren)

Die Umset­zung des per­so­na­li­sier­ten Ver­hält­nis­wahl­rechts in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erscheint beson­ders kom­pli­ziert. Dass die wich­ti­ge­re Lis­ten­stim­me die „Zweit­stim­me“ ist, wirkt kon­train­tui­tiv und kann die Wäh­ler ver­wir­ren. Eine Ver­wir­rung der Wäh­ler kann einer­seits zu Nicht­wahl oder sogar zu einer irr­tüm­li­chen Wahl füh­ren. Es bedarf wei­te­rer empi­ri­scher Wer­te, um zu begut­ach­ten, wie groß die­ses Pro­blem ist.

Gleich­zei­tig ist durch das per­so­na­li­sier­te Ver­hält­nis­wahl­recht im Gegen­satz zu einem rei­nen Mehr­heits­wahl­recht sicher­ge­stellt, dass kei­ne signi­fi­kan­te Men­ge von Stim­men unbe­rück­sich­tigt bleibt („Papier­korb­stim­men“, vgl. Ver­ei­nig­te Staa­ten oder Groß­bri­tan­ni­en). Außer­dem besteht eine enge Wäh­ler­bin­dung der Abge­ord­ne­ten, die über ein Direkt­man­dat ver­fü­gen. Die­se soll­ten gezielt die Inter­es­sen ihres Wahl­krei­ses ver­tre­ten.

Die Fünf-Pro­zent-Hür­de soll eine Frak­tio­na­li­sie­rung des Par­la­men­tes in zu vie­le, klei­ne Frak­tio­nen ver­hin­dern. Die­se wür­de die Par­la­ments­ar­beit erschwe­ren und die Regie­rungs­bil­dung (aus einer Par­la­ments­mehr­heit her­aus) nahe­zu unmög­lich machen.

Durch die Auf­tei­lung der 598 Sit­ze in jeweils 299 Direkt- und Lis­ten­man­da­te kommt es zu meh­re­ren Pro­ble­men: Bedingt durch das Prin­zip „the win­ner takes it all“ bei den Direkt­man­da­ten erlan­gen die CDU/​CSU immer wie­der signi­fi­kant mehr Direkt­man­da­te, als ihnen gemäß dem Zeit­stim­men­er­geb­nis zustün­den. Die­se Über­hang­man­da­te führ­ten zu einer Ver­zer­rung der par­la­men­ta­ri­schen Mehr­heits­ver­hält­nis­se; dadurch wäre die Reprä­sen­ta­ti­vi­tät der Wahl­er­geb­nis­se nicht gege­ben. Um dies zu unter­bin­den, wur­den 2013 Aus­gleichs­man­da­te ein­ge­führt (Urteil des BVerfG 2013[i]). Pro­por­tio­nal zum Zweit­stim­men­er­geb­nis erhal­ten die durch die Über­hang­man­da­te benach­tei­lig­ten Par­tei­en Aus­gleichs­man­da­te. Die­ser kom­ple­xe Mecha­nis­mus führt unter gewis­sen Umstän­den zu einer star­ken Ver­grö­ße­rung des Bun­des­tags. Zu die­sen Umstän­den zählt eine Frak­tio­na­li­sie­rung der Par­tei­en­land­schaft und damit vie­ler (mit­tel­gro­ßer) Par­tei­en im Bun­des­tag bei gleich­zei­tig durch eine Par­tei domi­nier­ten Direkt­man­da­ten. Die­se Situa­ti­on ist seit dem Ein­zug der AfD in den Bun­des­tag 2017 gege­ben (vgl. Mate­ri­al 1).

  • Fazit/​Bilanz der Dis­kus­si­on mit Posi­tio­nie­rung (z. B.: „Aus genann­ten Grün­den hal­te ich das deut­sche Wahl­sys­tem für …“)
  • Stil: ange­mes­se­ner Sprach­re­gis­ter mit Fach­spra­che, geziel­tes Ein­set­zen rhe­to­ri­scher Mit­tel und Les­bar­keit
  • Argu­men­ta­ti­on: kla­re und nach­voll­zieh­ba­re Struk­tur (Sche­ma: The­se, Argu­ment, Beleg), kau­sa­le Zusam­men­hän­ge wer­den deut­lich
  • Bezug zu Mate­ri­al 1 wird deut­lich (The­ma: zuneh­men­de Grö­ße des Bun­des­tags durch Über­hang- und Aus­gleichs­man­da­te), ggf. kann dar­aus auch ein Ver­bes­se­rungs­vor­schlag abge­lei­tet wer­den
  • Ein­brin­gen von fach­spe­zi­fi­schen Infor­ma­tio­nen zur aktu­el­len poli­ti­schen Lage in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Ein­zug der AfD in den Bun­des­tag, CDU/​CSU domi­nie­ren nach wie vor die Direkt­man­da­te)

[i] Süd­deut­sche Zei­tung: „Karls­ru­he erklärt Wahl­recht für ver­fas­sungs­wid­rig“ (25.07.2012) [Zugriff am 25.01.2020]: https://www.sueddeutsche.de/politik/bundesverfassungsgericht-karlsruher-richter-erklaeren-wahlrecht-fuer-verfassungswidrig‑1.1421720

Übungen Q1-Klau­sur: Wahlsystem/​Funktionen der poli­ti­schen Par­tei­en