Ver­fas­sungs­be­griff: Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit

Bei der Ver­fas­sung han­delt es sich nach aris­to­te­li­scher Leh­re um das “Form­prin­zip des Staa­tes” (griech. poli­teia). Sie regelt, wie der Staat struk­tu­riert ist und wel­che Form er annimmt. Aris­to­te­les’ Ver­fas­sungs­be­griff ist nicht begrenzt auf ein Doku­ment, son­dern inklu­diert die Real­ver­fas­sung eines Staa­tes. Dem liegt die wich­ti­ge Annah­me zugrun­de, dass die tat­säch­li­che Ver­fas­sung eines Staa­tes regel­mä­ßig von der nor­ma­ti­ven, tex­tu­el­len Ver­fas­sung abweicht.

Stapel von Exemplaren des Grundgesetzes
Das Grund­ge­setz ist die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit

Im Unter­richt wird meist von einer Diver­genz – also einem Unter­schied – zwi­schen Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit gespro­chen:

  • Was steht in der Ver­fas­sung? (Ver­fas­sungs­text)
  • Wie inter­pre­tie­ren Gerich­te die Ver­fas­sung? (Ver­fas­sungs­text)
  • Was geschieht in Wirk­lich­keit? (Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit)
  • Wie kam die­ses oder jenes Gesetz tat­säch­lich zustan­de? (Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit)
Venn-Diagramm: Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit
Venn-Dia­gramm: Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit

In vie­len Fäl­len ist kei­ne Diver­genz zwi­schen Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit fest­zu­stel­len. In ande­ren Fäl­len wie­der­um ist eine Diver­genz fak­tisch unver­meid­lich, wird aber von Staats wegen gering gehal­ten; ein Bei­spiel aus der Bun­des­re­pu­blik ist die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter, der Staat hat sich hier der “tat­säch­li­chen Durch­set­zung” ver­pflich­tet (Art. 3. Abs. 2 GG).

Ein Bei­spiel für eine Kluft zwi­schen Ver­fas­sungs­text und Ver­fas­sungs­wirk­lich­keit fin­det sich mit Blick auf die Aus­übung des Abge­ord­ne­ten­man­dats: De jure (= gesetz­lich) ist das Man­dat unab­hän­gig (Art. 38 GG), de fac­to (= tat­säch­lich) aller­dings unter­liegt die Mehr­heit aller Abge­ord­ne­ten dem “Frak­ti­ons­zwang” – sie stim­men mit ihrer Frak­ti­on ab.

“Die Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges wer­den in all­ge­mei­ner, unmit­tel­ba­rer, frei­er, glei­cher und gehei­mer Wahl gewählt. Sie sind Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes, an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen nicht gebun­den und nur ihrem Gewis­sen unter­wor­fen.”

Art. 38 Abs. 1 GG

Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land

Im ers­ten Abschnitt haben wir das Grund­ge­setz wie natür­lich als Ver­fas­sungs­text her­an­ges­zo­gen. Doch ist das Grund­ge­setz über­haupt die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land?

Die kur­ze Ant­wort lau­tet: ja. Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung und der Aner­ken­nung des Grund­ge­set­zes durch die neu­en Bun­des­län­der wur­de das Grund­ge­setz zur deut­schen Ver­fas­sung. Es behält sei­ne Gül­tig­keit “an dem Tage, an dem eine Ver­fas­sung in Kraft tritt, die von dem deut­schen Vol­ke in frei­er Ent­schei­dung beschlos­sen wor­den ist” (Art. 146 GG).

Das Grund­ge­setz wur­de 1949 nicht Ver­fas­sung genannt, um die Spal­tung Deutsch­lands nicht zu mani­fes­tie­ren. Der Name lässt folg­lich kei­ne Rück­schlüs­se auf den Ver­fas­sungs­cha­rak­ter des Grund­ge­set­zes zu.

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